Tabuthema Gamingsucht – das komplette Interview

Vor einiger Zeit haben wir euch Laslo vorgestellt, der ganz offen über seine Gamingsucht berichtete. Wir hatten euch die Möglichkeit gegeben eure Fragen an ihn zu richten. Die interessantesten Fragen haben wir zusammengefasst und Laslo zukommen lassen. Aber schaut selbst!

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Vorangestellt geht unser Dank an Laslo. dass wir die Exklusivrechte für dieses Interview bekommen haben und so das ganze Thema der Community ein wenig näher bringen können.  Schon in unserem Vorgespräch haben wir ja beschlossen gehabt, dass wir kein standardmäßiges Interview mit Laslo halten, sondern wir der Community sein Schicksal vorstellen, sodass die Leute seine Situation kennen lernen und so ganz konkrete Fragen stellen können. Die Teilnahme war reichlich und man hat gemerkt, dass es die Leute auf jeden Fall betroffen macht und zum nachdenken bzw. diskutieren verleitet. Wir haben die Fragen mal zusammen gesammelt:

Dennis R. fragte: "Woran hast du gemerkt, dass es ein Suchtverhalten ist?"

Ich habe beim Antrag auf Rehabilitation wegen Cannabis den Alkohol und 
das Zocken noch zusätzlich angegeben, weil ich Angst hatte, dass mein 
Problem sonst nicht groß genug ist und der Rententräger die teure 
stationäre Therapie ablehnt. "Eine Selbsthilfegruppe sollte Ausreichend 
sein", das wäre in meinem Fall ne Katastrophe gewesen - ich war ständig 
stoned in der Suchtberatungsstelle. Am Anfang habe ich den ernst der 
Lage also nicht wirklich wahrgenommen. Nach ca. 2 Monaten in der Klinik 
habe ich dann erste Eindrücke bekommen, dass das zocken schon kritisches 
verhalten bei mir war. Ich hatte mir geschworen erst mal ein Jahr ohne 
Zocken zu sein. Doch gleich beim ersten Wochenende an dem ich mein 
Smartphone wieder hatte habe ich so ein lames 3-in-a-row game gezockt 
ohne drüber nachzudenken. Dazu kamen gedankliche Vereinnahmung (z.B. 
wurde ich beim Wandern ständig an Skyrim erinnert); Suchtdruck (ich habe 
ganze zwei Stunden nicht ruhig sitzen können weil ich unbedingt was 
zocken wollte) und andere, für eine Sucht typische, Symptome. Das alles 
hat aber nicht gereicht. Kaum war ich nach 10 Monaten in einer WG, wo 
ich theoretisch zocken konnte ohne derbe Konsequenzen zu haben habe ich 
es versucht. Ich wollte  mir selbst beweisen, dass ich die Kontrolle 
habe. Aber aus 2 Stunden wurden 8, ich habe mich vom Fenster weggesetzt, 
damit mich keiner von außen sieht und nur aufgehört, weil ich nicht mehr 
konnte. Das war genau ein Rückfall, wie er in der Therapie beschrieben 
wird. Wirklich alle Mechanismen waren gleich. Ab da wusste ich, dass es 
eine Sucht und nicht nur ein Verhalten ist.


Daniel S.: " Die parallelen zwischen Substanzbezogenen Süchten und Spielsucht weiter erläutern bitte"

Dazu gibt es viel Streit. Letztendlich ist es eine Definitionssache und 
die Psychologie hat im Gegensatz zur Biologie das große Problem, dass 
man nicht in die Psyche gucken kann. Auch gibt es viele Verschiedene 
Unterscheidungen: Pathologischer Gebrauch, Kritischer Konsum, Sucht, 
Abhängigkeit, Verhaltensstörung, Beziehungsstörung, u.v.m. Am Ende zählt 
für mich persönlich das Erleben. Ich unterscheide zwischen körperlicher 
und psychischer Abhängigkeit. Die Körperliche Abhängigkeit ist zwar 
sehr, sehr unangenehm, aber nach der Entwöhnung ist das gröbste 
Überstanden. Das sieht man recht gut daran, dass nicht plötzlich alle 
nach einer schweren Operation Opiat abhängig sind.
Das perfide an einer Suchterkrankung ist die psychische Abhängigkeit. 
Das Sogenannte Suchtgedächnis speichert den Konsum als beste Lösung für 
alle Möglichen Situationen. Gestresst? - Erst mal einen Kiffen. 
Liebeskummer? - Erst mal richtig einen Saufen. Unangenehme Gedanken? - 
Erst mal ne Runde Dota. Das gemeine ist ja, dass es super Funktioniert. 
Irgendwann ist die Substanz oder das Verhalten (Zocken, Fressen, Kotzen, 
Ficken) die einzige Lösung die dir noch einfällt.  Ab da hast du 
verloren. Ich war es nicht mehr gewohnt zu Warten. Und dann musste ich 
das plötzlich ohne Games neu lernen. Das nervt derb. Es ist meiner 
Meinung nach egal ob Alkohol, PC-Games oder ein Lebenspartner die Lösung 
für all deine Probleme sind. Am Ende wird es immer krankhaft.

prosoccer147: "Wie kam es zur Sucht? Wie lange hast du pro Tag gespielt?"

Wie bei jeder Sucht entstand es Schleichend. Super beschrieben wurde das 
entstehen einer Alkoholsucht von Jellinek ( z.B. 
http://www.ama.lu/jellinek_BT_de.html). Ich war schon immer eher ein 
Träumer aber auch sehr fixiert auf den 
Anerkennung-durch-Leistung-Irrtum. Als ich dann im Schulsystem nicht 
angepasst genug war um mir dort meiner Erfolge zu sichern und mein 
Schwimmverein zu gemacht hat kamen die Internetcafes in Berlin auf und 
ich habe sowohl Sportliche als auch Schulische Erfolge durch Erfolge in 
Computerspielen ersetzt. So fing ein Kreislauf an, der am Ende dazu 
geführt hat, dass ich jede freie Minute am Rechner verbracht habe. Mal 
waren das nur 5 Stunden am Tag aber immer wenn ich es einrichten konnte 
waren es auch gerne 16 Stunden. Wie viel davon Zocken und wie viel davon 
Pornos, Soziale Medien und Bingewatching eingenommen haben war 
unterschiedlich.
Statistisch gesehen und garstig formuliert ist es sehr förderlich für 
eine Sucht, wenn du soziale Kontakte als Stress empfindest, 
Angststörungen oder depressive Tendenzen hast und dein Umfeld den 
Eindruck macht, als würde es sich mehr für deinen Lebenslauf als für 
dein Innenleben interessieren. Jede Sucht entsteht aus einem Mix aus 
Faktoren. Das Umfeld muss passen, die Perönlichkeit auch und auch das 
Verhalten oder Mittel muss erschwinglich und erreichbar sein. Bei mir 
hat halt alles auf Computerspiele und auch auf Cannabis gepasst.
nayagaming: In wie weit hat es sich auf deine sozialen Kontakte ausgewirkt ? 
Sowohl familiär als auch bezüglich Partnerschaften ?

Sucht befällt immer ganze Systeme. Also alle Menschen die dem Süchtigen 
nahe stehen sind mehr oder weniger mit betroffen. Meine Mutter musste 
zusehen, wie ich bleich und abgemagert dem PC huldige und ihr, sollte 
sie es wagen sich zwischen mich und meine Games zu stellen, verletzende 
Äußerungen entgegen schleuderte. Meine Freunde waren, sobald ich 17 
wahr, fast ausschließlich Leute zum Kiffen und/oder Leute zum Zocken. 
Das war halt die Gemeinsamkeit, die mir am wichtigsten war. Sozial 
Vereinsamt bin ich nie so richtig, aber je süchtiger ich wurde, desto 
weniger Menschen wollte ich halt nah an mich heran lassen. Beziehungen 
waren für mich zwar zum einen Wünschenswert, aber irgendwie bedeutete 
das auch immer Stress für mich. Jemanden an mich ran zu lassen, intim zu 
werden, dann zu verletzen weil ich nicht gut genug bin.... zu viel 
Stress. Ich hatte mich dafür entschieden auf die richtige zu warten, die 
am besten noch unverhofft bei mir klingelt und mir ihre Liebe gesteht. 
Im Endeffekt hatte ich Angst vor einer Beziehung und habe mir deshalb 
nicht die Zeit genommen.

Marc K.: Wie bist du im Endeffekt über die Sucht  hinweg gekommen?

26 Wochen Fachklinik Fredeburg, 16 Wochen Adaptionshaus Birkenwerder, 1 
Jahr Lost in Space PC-Abstinenzgruppe, 2 Jahre Offline 
Selbsthilfegruppe, 1 Jahr Verhaltenstherapie, 2 1/2 Jahre Abstinentes 
Betreutes Wohnen. Das war mein Therapieprogramm über die Letzten 4 
Jahre, teilweise Parallel. Ich habe alles Mitgenommen, was ich bekommen 
konnte. Habe mir die Sucht aus dem Hirn waschen lassen, Trauerprozesse 
durchlaufen, Hilfe angenommen wo ich es nicht selbst geschafft habe. Die 
ersten Zwei Jahre war es bei mir fast 80% hoffen und Glauben. Es gab 
100000 Baustellen und ich hatte kaum Skills, also musste ich lange damit 
leben, dass ich nicht alles durch guten Willen sofort Lösen kann, 
sondern die Aufgaben Stück für Stück abarbeiten muss. Skills wie 
Konfliktfähigkeit, Frustrationstoleranz, Ruhe aushalten, konstruktives 
Verarbeiten von Emotionen, Selbstwahrnehmung, Körpergefühl, 
Kommunikation, Geduld, Gelassenheit, usw. habe ich nach und nach, 
manchmal ohne es zu merken, Auf- und Ausgebaut. Außer dem  Skillen 
meiner Fähigkeiten war auch das Verarbeiten von Scham und Trauer sehr 
wichtig. Durch schwierige Gespräche und Verarbeitungsprozesse, die echt 
keinen Spaß machen, habe ich auch das zu einem Großteil bereits hinter 
mir. Mir persönlich hat aber geholfen, dass ich zum einen entschieden 
habe, dass ich jetzt mal 2 Jahre den Therapeuten zutraue, dass sie schon 
recht mit ihren Ansätzen haben und ich eben nicht alles am Besten weiß, 
und dass ich fand, ich hätte es schon verdient, wenn es ein wenig weh 
tut. Ich war ja auch so doof Süchtig zu werden.
Vor allem aber hatte ich es satt ein fucking Treibholz zu sein. Ich 
wollte endlich mein Leben selbst bestimmen und gestalten und nicht mehr 
nur auf Umstände reagieren

Sebastian K.: Meinst du, du könntest schnell zurück fallen, solltest du auch mal nur kur anfangen zu zocken?

Ich für mich weiß, dass ich entweder ganz oder gar nicht zocken kann. 
Ich habe keinerlei Kontrolle und würde zwangsläufig da wieder ankommen, 
wo ich vor 4 Jahren aufgehört habe. Zur Zeit ist das für mich nicht 
Lohnenswert.
Johann Black: " Ab wann kam dieser Moment, wo du wirklich genau wusstest,  dass du was ändern musstest?"

Die Momente, an denen ich Grundlos anfing zu heulen und mich zu fragen, 
ob es nicht einfacher sei einfach nicht mehr zu leben wurden immer 
intensiver und häufiger. Das hat irgendwie nicht zu meinem 
Selbstverständnis gepasst. Außerdem hatte ich grade Leute kennen 
gelernt, die mir MDMA, Tramadol und Ritalin besorgen konnten und ich 
hatte viel zu viel Spaß an dem Zeug. Kiffen und Zocken fand ich damals 
noch harmlos und ich hatte Angst, vor der Chemie, wusste aber ich würde 
immer wieder zugreifen. Das alles hat zu dem einfachen Gedanken geführt: 
"Endweder ich mache das hier noch 2-3 Jahre und sterbe dabei oder ich 
hole mir jetzt Hilfe weil ich unglücklich bin." Die Psychotherapeuten 
meinten aber fast alle, ich müsse erst mal aufhören zu kiffen bevor ich 
ne Therapie machen kann also bin ich zur Suchtberatung.
Özcan Sonmez: " Ab wann wird man Spielsüchtig ? Ich mein ich zock auch täglich 8-10 Stunden am Tag ?
Bin ich deswegen jetzt auch süchtig ? Und ja , ich gehe auch arbeiten!"

Gehst du arbeiten, damit du dir Strom zum Zocken, Wohnung zum Zocken, 
Essen zum Zocken, Flatrate und Games leisten kannst? ;P
Wenn das Leben um das Zocken herumgebaut wird ist es ein kritisches 
Zeichen. Wenn ein Familienvater eh nur 3 Stunden am Tag zeit für seine 
Kinder hätte und diese Stunden aber alle vor dem Rechner verbringt ist 
das viel Kritischer als wenn ein Pro-Gamer 8 Stunden am Tag Trainiert. 
Generell kann dir grade bei der Computersucht keiner von außen sagen, ob 
du Süchtig bist. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. 
Hilfestellungen sind z.B. die Jellinek-phasen oder Selbsttests wie der 
hier: https://www.onlinesucht-ambulanz.de/selbsttest .
Wenn das Zocken nur noch selten Spaß macht, du aber immer weiter Zockst; 
wenn "eigentlich sollte ich mal" zu deinem Standardspruch wird; wenn du 
das Gefühl hast seit Jahren auf der stelle zu treten und dich fragst, ob 
das schon alles im Leben gewesen sein soll; dann setz dich ehrlich mit 
die Auseinander und hol dir Beratung.

Wenn du aber ehrlich und wahrhaftig Glücklich bist, dann genieße die 8 
Stunden in vollen Zügen. Dennoch sind 8 Stunden Kritischer Konsum 
(Jellinek Phasen ^^). Du solltest aufpassen, dass du genügend 
alternativen für Spaß und Entspannung hast, damit du die wunderbare Welt 
der Games noch lange bedenkenlos genießen kannst. Alternativlosigkeit 
ist nie gut.

 

Zusammmenfassend bedanken wir uns für dieses Interview über das doch sehr schwierige Thema Gamingsucht. Wir danken dir, lieber Laslo, für deine Offenheit und natürlich noch einmal für die Möglichkeit, mit dir dieses Interview führen zu dürfen.

Im Endeffekt muss gesagt werden, dass das Thema Gaming- und Spielsucht weder totgeschwiegen werden darf noch auf die leichte Schulter genommen werden sollte. Für diejenigen, die sich über das Thema noch mehr informieren wollen, empfehlen wir die Seite Spielsucht Therapie, wo man aktuelle Informationen, einen Test und auch Hilfe bekommen kann.

https://www.spielsucht-therapie.de/computerspielsucht/

Ferner bedanken wir uns bei F-Foundation, worüber wir den Kontakt mit Laslo herstellen konnten bzw. wo er als Redner auch tätig ist, für die Möglichkeit des Interviews.

https://www.f-foundation.org/laslo-pribnow-speaker-internet-und-spielsucht/

Solltet ihr weitere Fragen haben oder solltet ihr Rückfragen haben, dann könnt ihr diese gerne hier oder auf Facebook in den Kommentaren hinterlassen.

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